Shortstories

Auf dieser Seite werde ich so nach und nach ein paar kostenlose Shortstories für euch posten. Diese werde nicht unbedingt mit der Reihe `Zwischen Göttern und Teufeln` zusammen hängen.

Auf Anfrage sende ich euch gern die Geschichten als pdf über e-mail zu. Hinterlasst dafür einfach einen Kommentar und eure e-mail-Adresse oder schreibt mir eine Mail. (Kontakt s. Impressum)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Eure Laya Talis

copyright of all shortstories by Laya Talis


Licht, by Laya Talis

Das flackernde Licht der Straßenlaterne warf unruhige Schatten auf den dunklen Asphalt. Elena setzte sich auf die Borsteinkante und scharte mit einem Fuß über die dreckige Straße. 

Es war mitten in der Nacht und bitterkalt. Nach Hause wollte sie trotzdem nicht, denn Josh, ihr Freund, der sie gerade erst wieder verprügelt hatte, war bestimmt noch wach. Elena berührte ihr geschwollenes Jochbein, legte ihren Kopf in den Nacken und sah hinauf zu der defekten Laterne und betrachtete den dort angebrachten Weihnachtsstern. In drei Tagen war Heilig Abend. Sie war jetzt siebenundzwanzig Jahre alt und konnte nicht mehr zählen, wie oft sie Josh schon verlassen, wie oft er Besserung gelobt hatte … wie oft sie zu ihm zurückgegangen war. Sie liebte ihn. Trotz allem. Sie liebte ihn einfach zu sehr, um von ihm loszukommen. Auch wenn sogar ihr Herz ihr sagte, dass sie gehen sollte. Aber sie konnte den Gedanken nicht ertragen, allein sein zu müssen.

„Weine nicht!“
Elena holte erschrocken Luft und blickte in das hübsche Gesicht eines fremden Mannes, der sie freundlich anlächelte und sich neben ihr auf den schmutzigen Boden setzte. Ein verlockender Duft, eine Note nach wilden Waldbeeren und frischen Zitronen, umgab ihn. Unbewusst atmete Elena tiefer ein. Eigentlich sollte sie sich vor ihm ängstigen, ging es ihr durch den Kopf, doch sie spürte keine Furcht. Sie fühlte sich bei ihm sicher, geborgen, sehnte sich nach seiner Nähe, auch wenn dies bar jeder Vernunft war. „Äh, hi“, brachte sie schließlich hervor. Wo war er hergekommen? Was wollte er hier?
„Hi!“ Er zeigte erneut sein einnehmendes Lächeln.
„Ich bin Elena“, sagte sie.
„Elena. Ein schöner Name. Er bedeutet `die Leuchtende`.“ Mit kühlen, sanften Fingern, strich er über ihre Wange, folgte der Spur ihrer Tränen. Als er ihr angeschlagenes Jochbein streifte, runzelte er seine Stirn. „Du bist verwundet.“
„Das ist nichts“, wehrte sie hastig ab, wie sie es immer tat, wenn jemand sie auf eine Verletzung ansprach.
„`Nichts` verursacht keine Schwellungen!“ Der gutaussehende Fremde trocknete ihre Tränen mit seinen Händen. „Und `Nichts`, bringt einen nicht zum Weinen.“
Elenas Verstand mahnte sie wegzulaufen. Doch die freundlichen, grünen Augen des Fremden, die Güte in seiner Stimme, das Mitgefühl in seinem Lächeln hielten sie bei ihm fest. Der Mann legte beide Arme um sie und Elena kuschelte sich hinein. Sie genoss es, an seine harte Brust gelehnt zu sein, gehalten zu werden. Es fühlte sich an … als wäre sie Zuhause.

„Elena, in deiner Seele brennt ein Licht, wie es dein Name verkündet. Leuchte Elena! Lass deine Schatten zurück und leuchte.“ Elena krallte sich in seinen rauen Mantel, schmiegte ihre Wange an seiner Halsbeuge. Der Fremde umfasste zärtlich ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu seinem. Mit unendlicher Langsamkeit beugte er sich zu ihr und hauchte ihr einen weichen Kuss auf die Lippen. „Leuchte, Elena!“ Es war ein Befehl, der keinen Widerspruch duldete.
Unausgesprochene Worte standen zwischen ihnen und doch wusste sie, dass er ihren Kummer kannte und verstand. Er war ihretwegen hier!
Er küsste ihre Stirn und schenkte ihr sein tröstendes Lächeln, in dem mehr Liebe lag, als Elena je würde begreifen können. „Lebe Elena, leuchte!“ Mit unendlicher Vorsicht und Zärtlichkeit, löste er ihre Arme von sich und stand auf.
In Elenas Herzen war unendlicher Schmerz, aber auch eine innige Wärme, der die tiefen Wunden in ihrer Seele zu heilen begannen. „Wer bist du?“, fragte sie. Ihr Weg lag plötzlich klar vor ihr. Sie war nicht allein, war es nie gewesen. Sie musste nicht, würde nicht, zu Josh zurückkehren.

Elena hörte das weiche, dunkle Lachen des Fremden. „Leuchte Elena. Du wirst geliebt und ja, du bist nicht allein“, sagte er sanft. Er ging, aber sie wusste, dass er sie nicht wirklich verließ, es niemals tun würde.
Elena erhob sich und dabei fiel etwas klirrend von ihrem Schoß auf die Straße. Sie bückte sich verwundert danach und hob die Kette auf, an der ein silbernes Kreuz baumelte. Sie drückte das Geschenk fest an ihre Brust, blickte hinauf in den wolkenverhangenen Himmel und dann dem Engel nach, bis dieser in der Dunkelheit verschwand. „Ich leuchte“, sagte sie laut.

Die Straßenlaterne strahlte hell und klar und warf ihr ruhiges Licht auf den dunklen Asphalt, verscheuchte die Schatten und tauchte Elenas lächelndes Gesicht in einen warmen Schein.

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